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Streiten oder auseinandersetzen?

»Wenn zwei sich streiten, lächelt die Wahrheit.« Hans Arndt

 

In den Nachrichten wird ständig vom »Streit der Ampelkoaliton« gesprochen, immer mit dem Unterton der negativen Bewertung, als wollte die Moderatorin sagen: »Mami, schau mal, jetzt haben sie schon wieder gestritten! Ganz schlimm!« Ja, diese Regierung ist ganz schlimm. Die Regierungsparteien streiten sich ständig. Furchtbar! Da bricht doch alles auseinander! Dabei sehnen wir uns so sehr nach Harmonie. Kann denn diese Regierung nicht harmonisch zu Beschlüssen kommen? Und dieser Kanzler! Der sieht einfach zu! Schlimm ist das. Sehr schlimm, ja furchtbar.



Warum ist Streit etwas Negatives?

»In unserer Familie hat es nie Streit gegeben!« Klingt irgendwie verlogen und ist meines Erachtens höchst problematisch. Wer hat in dieser Familie dann seine Bedürfnisse hintangestellt? Hat seine Meinung um des lieben harmonischen – unehrlichen – Friedens willen unterdrückt? Wenn zwei Menschen miteinander in Kontakt treten, ist es meines Erachtens ganz normal – und ehrlich –, dass sie in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung sind und dies auch zum Ausdruck bringen. Das führt eben nicht zwangsläufig dazu, dass man sich nicht mag, nicht schätzt. Ganz im Gegenteil. Unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Überzeugungen und Auffassungen haben für die Beteiligten etwas Bereicherndes. Und sie können bewirken, dass man zu einem Kompromiss kommt oder seine Meinung ändert. Ohne Auseinandersetzung aber geht das nicht. Und das ist nach meiner unbedeutenden Auffassung auch das Prinzip einer gesunden Demokratie.

»Streit: Zank, Auseinandersetzung, heftiger Wortwechsel, hitzige Erörterung, Meinungsstreit, (veraltet für Kampf). Etymologisch: ahd. Strit, niederl. Kampf, Hader, Wettstreit, Rechtskonflikt; evtl. Widerstreben, Starrsinn, Aufruhr…«


Eine Demokratie ohne Streit?

Was wäre das für eine Demokratie, in der die Opposition die gleichen Positionen vertritt wie die Regierungspartei? Oder wenn die Opposition ihre Position nicht offen vertreten darf. Ich darf an Russland erinnern oder an unsere eigene Geschichte. Im sogenannten »Tausendjährigen Reich« endeten Menschen, die eine andere Meinung vertraten als die Regierung, im Gefängnis oder wurden buchstäblich mundtot gemacht, umgebracht. Ich jedenfalls lebe lieber in einer Demokratie, in der die Regierung ihre unterschiedlichen Positionen offen austrägt und durch die Auseinandersetzung zu Kompromissen kommt. Ich bin immer wieder beruhigt, wenn ich höre, dass die Regierungsparteien in einer Sache streiten. Da weiß ich, dass sie einen breiten Konsens in der Gesellschaft abdecken möchten und die vielen bunten, unterschiedlichen Positionen kanalisieren. Natürlich kommt es dann zu Abstrichen, Aufweichungen der Positionen, aber das ist wenigstens ehrlich. Was wäre das für eine Gesellschaft, in der die eine Partei rigoros ihre eigenen Positionen durchsetzt, ohne Rücksicht darauf, dass es auch noch andersdenkende Menschen gibt?

 

Mehrheit und die Unterdrückung von Minderheiten

Wenn Mehrheiten in einer Demokratie ihr Programm durchsetzen, dann impliziert das logischerweise, dass Minderheiten unterdrückt werden. Auch aus diesem Grund ist mir ein Streit lieber als Beschlüsse, die »harmonisch« zustandekommen, weil damit auch Minderheiten Berücksichtigung finden. Und was wäre das für eine Gesellschaft, die sich nicht um die Schwächeren schert, die rigoros auf das Recht des Stärkeren pocht?

 

»Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die ausweichen.«

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Warum präzise formulieren?

Es wäre jedenfalls besser, die Moderatorinnen und Moderatoren würden präziser formulieren. Und präziser wären Begriffe wie auseinandersetzen, ringen um, nach Kompromissen suchen etc.  Damit würden nicht die Ängste der von unserer Geschichte traumatisch belasteten Bevölkerung geschürt. Und eine präzise Ausdrucksweise darf man eigentlich von Moderatorinnen verlangen, die in verantwortungsvollen Positionen sitzen und durch das Fernsehen Menschen beeinflussen und damit manipulieren. Objektiv ist also in diesem Zusammenhang die Verwendung des Wortes »Streit« als Beschreibung dessen, was die Regierungsmitglieder machen, keineswegs. Und Objektivität ist meines Erachtens das wichtigste Kriterium einer Berichterstattung, auch wenn die Moderatorinnen und Moderatoren vielleicht anderer Ansicht sind als die Regierung. Aber schließlich geht es ja nicht um Wahlpropaganda für die Opposition, sondern um objektive, differenzierte Information.

Wenn also die Moderatoren im Fernsehen vom »Streit« der Ampelparteien sprechen, dann bedienen sie damit auch die Ängste von Teilen der Bevölkerung, von Menschen also, die Streit mit Krieg gleichsetzen, die offenbar von negativen Erfahrungen mit Streit in der Familie geprägt sind, wo vielleicht jeder Streit zu Unterdrückung, Aggression und Gewalt führte, was aber nichts mit einem Streit in der Regierung zu tun hat. Denn Streit ist ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Instrument einer funktionierenden Demokratie.

Josch 24.09.2023, 13.43

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Christel Boßbach

"Bei uns ist nie ein lautes Wort gefallen", hieß es im meiner Familie - schrecklich, denn spät erst lernte ich, mich auseinander zu setzen, zu argumentieren, zuzuhören, beharrlich zu "ringen" um eine Lösung.

vom 25.09.2023, 07.24
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