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This is Stickbuddy Jamboree

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."(Jean Paul, 1763-1825)

Ich möchte mit meinen Erinnerungen nur erzählen und längst Vergangenes – oder Vergessenes – aus dem Archiv der Belanglosigkeit hervorholen, es noch einmal wie einen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen lassen. Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten. Sie sind nicht systematisiert und daher für die Erklärung des Weltgeschehens nicht geeignet.



Heute denke ich mit stiller Wehmut an die Sendung Stickbuddy Jamboree auf AFN-Nuremberg (Nürnberg), area Grafenwöhr in den 1960er-Jahren, die jeden Werktag um kurz nach 16:00 Uhr ausgestrahlt wurde und knapp eine Stunde Countrymusic, Hillbilly und manchmal sogar Rock and Roll brachte. Stickbuddy Jamboree war ein Wunschkonzert für die US-amerikanischen Soldaten – und ihre Familien –, die in Deutschland stationiert waren. Der Moderator, der sich als ein Caroliner Traveller bezeichnete, erwähnte dann immer in seinem typischen Slang, wer sich was gewünscht hatte. Und ich, der ich als Dreizehn-, Vierzehnjähriger durch den Einfluss meiner wesentlich älteren Brüder nahezu ausschließlich Paul Anka, Elvis Presley, Buddy Holly oder Chuck Berry hörte, klebte am Radiogerät und hörte Musik. Und ich hatte auch ein Lieblingsstück, auf das ich immer sehnsüchtig wartete, während ich meine Hausaufgaben mehr schlecht als recht erledigte, und dieses Lieblingsstück war Detroit City von Bobby Bare. Wenn der Moderator die jugendlichen Hörer, bevor er die nächste Nummer spielte, ermahnte, sie sollten vorsichtig sein, wenn sie die Straße überqueren – when you cross the street, be careful, look to the left and on the right ... und dann bedankte er sich bei einer gewissen Rose Dexter aus Grafenwöhr, die sich „I wanna go home“ von Bobby Bare gewünscht habe. Nun allerdings konnte ich mich beim besten Willen nicht mehr auf die lästige Algebra oder Geometrie konzentrieren. Wehmütig summte ich mit, wenn Bobby Bare von Detroit City sang, von seinem Traum von den Cotton Fields, von seiner Familie und von seinem Mädchen, das schon so lange auf ihn wartete. Es machte mich immer wieder traurig.

AFN-Nuremberg und Grafenwöhr

AFN und diese Sendung waren für mich, der ich in der Nähe von Grafenwöhr aufwuchs, die Verbindung zur großen weiten Welt. In der Nähe von Grafenwöhr befand und befindet sich noch immer einer der größten US-amerikanischen Truppenübungsplätze in Westeuropa. Ende der 1960er-Jahre, ich war mittlerweile schon 18, war Grafenwöhr für mich einerseits Ort der interessanten – oder wie man heute sagen würde – coolen Bars, Diskotheken und Tanzlokale, denen meine jugendlichen Sehnsüchte gehörten, es war andererseits Ort der Konfrontation mit dem grausamen Krieg in Vietnam. Ich lernte manchen GI kennen, der gerade aus Vietnam zurückkam oder sich auf Vietnam vorbereitete. AFN-Nuremberg und Stickbuddy Jamboree, Grafenwöhr und der Rock-and-Roll, der Soul von Aretha Franklin, Otis Redding, Ike and Tina Turner, vor allem aber Wilson Picket, zum Beispiel mit In the midnight hour oder Mustang Sally waren für mich der Sound Amerikas. Und ich war von Amerika und allem, was ich in meiner frühen Jugend damit verband, fasziniert. Erst später, als ich dann in München studierte, relativierte sich diese Faszination. Ich lehnte die amerikanische Kriegspolitik wie die meisten jungen Leute damals ab. Nun war ich eher vom SDS und seinen Repräsentanten, von der antiautoritären Bewegung der 68er fasziniert.

Aber AFN-Nuremberg und Stickbuddy Jamboree werden für mich immer für die wehmütigen Gefühle einer „betrogenen Generation“ stehen. Amerikanische Kultur war für mich ausschließlich Musik, und zwar in einem unvergleichlich riesigen Spektrum von Countrymusic bis Rock, Soul und Jazz, mit dem ich allerdings als Jugendlicher weniger anfangen konnte.

Musik, die am Leben erhält

Wenn wir uns nächtelang in total überfüllten Diskos schweißgebadet im Soul-Rhythmus bewegten, flirtend, trinkend, rauchend, wenn wir uns der Zeitvergessenheit hingaben, wie es nur in der Jugend möglich scheint, wenn uns auch eine noch so aggressive Stimmung nicht beunruhigte, weil uns oft genug ein gnadenlos Ordnung schaffender Einsatz der MP (Militärpolizei) das Gefühl von Sicherheit gab, dann wussten wir zumindest eines: Diese Musik ist unser Leben, sie erzählt stellvertretend von unseren Sehnsüchten und Träumen, von unserer grenzenlosen Verliebtheit oder einem abgrundtiefen Absturz in die amouröse Ablehnung. Die Musik hat uns am Leben erhalten. Und AFN-Nuremberg steht für den Anfang dessen, was ich mit Jugend, Tanz, Flirt und Musik verbinde. Eine Musik, die – wenn ich sie zufällig höre – immer noch so eigenartig wehmütige Gefühle auslöst. This is stickbuddy jamboree ...

Josch 31.03.2021, 11.34

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Kommentare zu diesem Beitrag

5. von Bernd

Hallo, wunderschöner Artikel
Ich hatte AFN Bremerhaven
Morgens von 5-6 oder war es 6-7? Country Music vom Feinsten
Sonnabendabend dann die Grand Ole Opry aus Nashville
DAS WAREN NOCH ZEITEN
Heute hör ich dank Internet
Hier klicken
HPR1 Traditionell Classic Country aus Branson/USA

Herzliche Grüße

Bernd

vom 11.05.2021, 12.08
Antwort von Josch:

Lieber Bernd,
vielen Dank für den netten Kommentar. Ja, das waren noch Zeiten. Ich suche mir meine Lieblingsmusik auf Spotify und manchmal höre ich Radio Buh, einem Sender der LasBrassBanda gehört und der ein Gegengewicht zu den öffentlich-rechtlichen Sendern mit ihren Dauerschleifen bildet, und das ganz ohne Werbung.

4. von Chris

Ich habe vor langer Zeit (Ende59er) regelmaessig AFN Stickbuddy Jamboree sehr gern gehoert.
Ich kann mich nicht mehr an den Namen des programme host erinnern, wuerde das aber gern.
Koennen Sie mir bitte dabei helfen?
Chris


vom 10.02.2021, 02.23
Antwort von Josch:

Hallo Chris,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin mir nicht sicher, da es schon so lange her ist. Aber es könnte Casey Kasem gewesen sein, dessen Hitparade von AFN übernommen wurde. jkp

3. von Axel

Hallo,
ich bin in Berlin ebenfalls mit AFN aufgewachsen.. Vielleicht ist es interessant, was Stickbuddy bedeutet.
Der AFN-Moderator hatte es erklärt:" sticks are the people from the country and buddy means friend."
Have a nice day
Axel

vom 08.04.2018, 17.23
Antwort von Josch:

Hallo Axel, vielen Dank für die wunderbare Ergänzung. Ich kannte diese Definition gar nicht, obwohl ich Stickbuddy Jamboree wirklich nahezu täglich gehört habe.
A nice time! josch
2. von Hellmuth

Hallo,

als Berliner Junge ging es mir recht ähnlich. Die Kumpels hörten Presley und ich Stickbuddy Jamboree und später (oder früher?) 1605 to Nashville. Wurde deshalb von denen belächelt. Diese Musik brachte mich dann wegen der Lyrics 1997-2015 insgesamt 13 Mal in die USA und Kanada. Wir fuhren 92000 km durch das Land an die Orte die in der Musik besungen wurden.
Es war unbeschreiblich in den Wohngegenden von Bobby Bare oder Johnny Cash in Hendersonville herumzustreunen.

Good luck
Hellmuth


vom 29.01.2018, 12.45
Antwort von Josch:

Vielen Dank für deinen wunderbaren Kommentar. 92.000 km durch die USA, das ist beneidenswert. Ich möchte auch noch einmal in die Staaten, wo ich erst zweimal war. Ja, wenn ich die Musik von damals höre, sind sofort wieder alle Bilder und Gefühle da... Unvorstellbar. Dir eine schöne Zeit weiterhin, josch
1. von Catherine Avak

Sehr schön zu lesen. Vielen Dank!

vom 09.05.2017, 06.54
Antwort von Josch:

Vielen Dank für die Blumen. Herzlich, jkp
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