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Traurige Zeiten

Zeit der gnadenlosen Jäger

In den letzten Wochen gab es in Deutschland offenbar nur zwei wichtige Themen: das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft und der Machtkampf in der Union. Gut, das Scheitern der Mannschaft in Russland lässt sich irgendwie nachvollziehen. Millionen Zuschauer haben den Untergang der glorreichen Weltmeister von 2014 aufgrund der vielen Nahaufnahmen, ich möchte fast sagen: hautnah miterlebt. Und Millionen Hobbybundestrainern wäre das nicht passiert.

Was sich aber in der CDU/CSU in den vergangenen Wochen abspielte, lässt den Zuschauer entgeistert zurück. Man sitzt vor dem Fernseher oder schlägt die Zeitung auf und bringt vor Fassungslosigkeit den Mund nicht mehr zu: Da schwingt sich ein grauhaariger Mann mit leicht gebeugtem Rücken auf und spielt den gnadenlosen Jäger, ganz ohne Gewehr, dafür mit einem Altersstarrsinn, wie er in dieser Intensität kaum zu überbieten ist.



Es ging in diesem Machtkampf doch tatsächlich um Menschen, heißt es, zwar um nicht sehr viele, aber immerhin um Menschen, die größtenteils ihre nackte Existenz aufs Spiel setzen und alles zurücklassen müssen, was sie haben. Es geht um Menschen, die flüchten, um dem drohenden Tod durch Verhungern oder durch Krieg zu entgehen. Den grauhaarigen Jäger lässt das kalt. Er entsteigt seiner gepanzerten Staatskarosse und wird sogleich von zahlreichen Bodyguards abgeschirmt, zig Mikrophone strecken sich dem Jäger entgegen, ein Blitzlichtgewitter richtet sich auf den alten Mann. Und dieser wahnsinnig wichtige Hüne presst mit fast geschlossenem Mund und einem überlegenen Grinsen heraus, dass es egal sei, was und wie etwas passiert. Allein das Ergebnis sei entscheidend. Ob mit oder ohne Schusswaffe bzw. Keule: das Ergebnis ist entscheidend!

Der Hüne behauptet, dass es ihm um Menschen gehe. In Wahrheit geht es ihm nur um eines: Um den Erhalt seiner Macht. Er hat Angst vor den Wahlen, die am 14. Oktober 2018 in Bayern stattfinden. Die Menschen jedoch, die nichts haben, außer dem, was sie auf dem Leib tragen, die um ihr Leben fürchten müssen, die keinen Platz haben, wo sie ihr Haupt hinlegen können, die sind dem Jäger egal, die überlässt er ihrem Schicksal. Selber schuld.


Mitgefühl? Was ist das?

Heribert Prantl spricht in der SZ von einer egomanischen Veranstaltung der CSU. Seehofer wolle den Eindruck erwecken, als sei sein Herumgegurke Teil einer großen Strategie. Und über die Flüchtlinge werde geredet wie über Sondermüll. Das sei die Sprache von Parteien, die das C in ihrem Namen tragen. Spiegel-Online berichtet, dass im ersten Halbjahr 2018 schon mehr als 1.000 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken seien. An der innerdeutschen Grenze starben zwischen 1961 und 1989 etwa 140 Menschen. Hinzu kommen noch 251 Menschen, die unmittelbar vor oder nach der Grenzkontrolle wegen der Aufregungen durch Herzinfarkt verstarben. 400 Menschen also, die in 28 Jahren starben, gegenüber 1.000 Menschen in sechs Monaten! Menschenleben lassen sich meines Erachtens nicht gegeneinander aufrechnen. Und doch sollten uns die Zahlen zu denken geben. Eines der reichsten Länder der Welt verwehrt den Ärmsten der Armen den Zugang zu ihrem reichen Land. Dabei sind die Flüchtlingszahlen massiv rückläufig. So kamen in den ersten fünf Monaten 2018 circa 78.000 Flüchtlinge nach Deutschland, 18.349 beantragten Asyl. In den ersten sechs Monaten 2017 waren es noch 90.389 Flüchtlinge. Insgesamt leben etwa 2,3 Millionen Flüchtlinge in der gesamten EU, das sind 0,45 % der Gesamtbevölkerung. Das stellt für die AfD und die CSU eine dramatische Bedrohung dar.


Angst vor Fremden

Die Angst vor Fremden ist ein psychisches Problem, es hat Züge einer ernsthaften Erkrankung, der Klaustrophobie nicht unähnlich. Der AfD-Politiker Gauland tönte nach der Bundestagswahl, dass die Rechtspopulisten die Kanzlerin jagen werden. Offenbar hat sich ein Hobbyjäger in den Bundestag verirrt. Ein Jäger, für den der Nationalsozialismus mit seinen Millionen Morden nur ein Vogelschiss ist.

Aber wer wird eigentlich wirklich gejagt? Die Bundeskanzlerin von der CSU und der AfD? Oder sind es die Flüchtlinge? Die Zahl der Armen und von sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Im Jahr 2016 waren dies 19,7 % der Gesamtbevölkerung. Im gleichen Zeitraum hat sich auch die Zahl der Reichen in Deutschland verdoppelt.

Dass nicht zuletzt junge Menschen dieses Spiel mit der Angst, das AfD und CSU betreiben, eklig finden, wird die CSU noch schmerzlich zu spüren bekommen. Und viele ältere Menschen, die eigentlich die letzten sind, die sich ernsthaft finanzielle Sorgen um ihre Zukunft machen müssten, die flüchten sich in die AfD. Da Argumente nichts bewirken, steht man dem ganzen verlogenen Eiertanz entsetzt und ratlos gegenüber.

© Abbildung: Fotolia, dkuhne1976

Josch 05.07.2018, 12.28

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