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Über das Alter

Da ich ja nun weiß Gott kein Jungspund mehr bin, sondern rein formal zu den Senioren gezählt werden muss, werde ich öfter, vorwiegend von fremden Menschen, auf mein Alter angesprochen. Das ist mir dann sehr unangenehm. Nicht weil ich nicht alt sein wollte, das nicht. Es ist mir unangenehm, weil ich dabei oft das Gefühl habe, mein Gesprächspartner bedauert mich - wegen meines Alters! Selbstverständlich bin ich nicht mehr attraktiv, selbstverständlich dreht man sich nicht mehr nach mir um, selbstverständlich werde ich auch nicht mehr zum sexiest man alive gewählt (was ich schade finde).



Das wurde ich übrigens auch in meiner Jugend nicht (was viel tragischer ist). Mein (heutiges) Gesicht zeigt Spuren der Lebensringe, wie Rainer Maria Rilke es so eindrucksvoll in Verse fasste:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott,

um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang,

und ich weiß noch nicht,

bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

 

Meine Haare sind grau, meine Hände haben Altersflecken, die Ohren scheinen jedes Jahr einen halben Zentimeter größer zu werden (wobei gleichzeitig das Gehör schlechter wird: welche Paradoxie!!), meine Beweglichkeit nimmt ab, aus der Nase scheinen mehr Haare nachzuwachsen als auf dem Kopf. Aber ob dies alles automatisch mit einem Schwund der grauen Zellen verbunden ist, möchte ich bezweifeln.

Klar, wird sich nun mancher (junge) Leser sagen, das drücke ja der üble Witz über Menschen, die an Alzheimer leiden, treffend aus: Täglich lerne man mit Alzheimer neue Menschen kennen! Ich selbst merke es halt nicht, aber die anderen ... Sich selbst zu beurteilen ist in diesem Zusammenhang äußerst problematisch. Wenn aber ein junger Mensch glaubt, ein alter Sack habe keine Gefühle mehr, könne sich nichts mehr merken, stehe neben sich, sei orientierungslos, könne sich nichts Neues mehr aneignen etc., dann irrt er gewaltig, um nicht zu sagen: Er ist ahnungslos! Und die Meinung ist auch noch naiv, sie kommt dem Ich-Bewusstsein einer Kaulquappe nahe.

Ich selbst fühle mich schon seit meinem dreißigsten Lebensjahr alt. Das dreißigste Jahr markiert den endgültigen Abschied von der Jugend, wie Ingeborg Bachmann es in ihrer Erzählung Das dreißigste Jahr so wunderbar in Worte gefasst hat. Die Erzählung ist - nebenbei gesagt - Weltliteratur.

Wenn es ums Alter geht, bekommt man dann oft gesagt, man sei immer so alt wie man sich fühle. Und das ist so ziemlich das Dümmste, was man übers Alter sagen kann. Es ist eine Plattitüde hoch drei! Denn das gefühlte Alter und das tatsächliche Alter sind zeitlebens und in jeder Altersphase relativ. Der Satz ist eine ähnliche Nullaussage, wie: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen!“

Ist es eine Leistung, jung zu sein? Und ist es eine Leistung, alt zu sein? Beides kann eine Last bedeuten. Warum nehmen sich so viele junge Menschen - und es sind vorwiegend junge Männer - immer noch das Leben? Ist Jungsein etwa eine Krankheit? So kommt man dem Problem nicht auf die Spur: Jeder - gesunde, denkende, junge wie alte - Mensch kennt Bedrückung, Niedergeschlagenheit, so manche leichte Form von Depression, kennt Glück und Glücksgefühle, kennt die beglückende Zweisamkeit, hat Sexualität, hat sexuelle Wünsche, Träume und Fantasien, kennt Erfolg (als Junger in Schule und Studium, als Alter im Beruf), kennt Niederlagen und scheinbare Ausweglosigkeit, Verlassenheit und Resignation, Eifersucht und Wut, Freude und Glückseligkeit etc. All diese Erfahrungen und Gefühle sind an kein bestimmtes Alter gebunden. Diese Gefühle zu haben, ist weder ein Privileg der Jugend noch des Alters.

Das einzige, was das Alter von der Jugend trennt, ist Erfahrung. Und Erfahrung ist mit dem hohen Preis des Alterns, ist mit dem Wissen um die Begrenztheit des Lebens bezahlt. Mein Vater fasste dieses Wissen am Ende seines Lebens einmal in die Worte: „Das Leben ist wie ein Gang die Straße hinauf und wieder herunter.“

Norberto Bobbio sagt in seinem Buch De Senectute, ein Charakteristikum des Alters sei es, dass das Leben rückwärts gewandt sei, der alte Mensch lebe von seiner Erinnerung. Und das macht das Zusammenleben der Jungen mit den Alten anstrengend: Immer dieses Besserwissen der Alten, immer dieser warnende Zeigefinger ... Ich persönlich bin sehr froh darüber, dass mein postpubertierender Sohn oft am Abend, kurz bevor er sich zum Schlafen verabschiedet, ein paar Minuten mit mir redet und mir erzählt, wie er über dieses und jenes denkt. Da sind dann die Grenzen von Jung und Alt verwischt. Kreativität trifft auf Erfahrung. Eine unschlagbare Koalition. Und bei diesen Gesprächen spielt mein Aussehen keine Rolle. Ich selbst sehe mich dabei oft selbst als der Jugendliche, der ich vor vielen vielen Jahren einmal war. Und die Gefühle, die mein Sohn hat, die hatte ich und habe sie auch, obwohl ich doch schon so alt bin ...

Josch 27.01.2016, 23.45

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Barbara Rias

Lieber Josch,

ich kann nur bestätigen was Du schreibst - und finde Deine Beschreibung auch sehr witzig! Was mich am Älterwerden und Altsein sowohl beruhigt und erfreut: Meine Ängste sind weit geringer als früher. Deshalb habe ich oft das Gefühl, dass ich mein Leben jetzt erst genießen kann. Dennoch bleibt ständig das Bewusstsein der Begrenzung, das ich als junger Mensch nicht hatte.

Herzlichst
Barbara

vom 28.01.2016, 16.22
Antwort von Josch:

Liebe Barbara,
das bestätigt den Buchtitel von Ernst Pöppel: Je älter desto besser! Danke für Deinen tollen Kommentar.
josch

1. von Bea Schmucker

...ich als Kunstschaffende empfinde das fortlaufend etwas (Neues) zu kreiren als völlig alterslos und somit als Privileg. Auch ihr Blog ist etwas Neues...oder zöhlt das zu Erfahrung?
P.S. das schützt aber leider auch nicht vor Falten
Grüße
Bea Schmucker


vom 28.01.2016, 08.48
Antwort von Josch:

Es ist wohl beides: Neues und Erfahrung. Das Neue schöpft aus der Erfahrung und verändert diese hinwiederum. Altern betrifft ja jeden Menschen. Nur macht man sich - Gott sei Dank - nicht ständig Gedanken deswegen. Sonst könnte man ja nicht mehr genießen ...
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