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Verletzte Herzen. Jakob beichtet

Jakob beichtet. Auszug aus "Verletzte Herzen", Kapitel Beichtgeheimnis

Als Jakob die Kirche betrat, waren bereits beide Beichtstühle besetzt. Vor dem des Pfarrers warteten vor jeder Tür vier Leute, beim Kaplan waren es lediglich zwei. Jakob stellte sich beim Pfarrer an. Er schlug sein Gotteslob auf, machte die Gewissenserforschung und betrachtete dabei den Beichtstuhl. Sah der nicht wie ein großer Schrank mit drei Türen aus? Wieso hieß das sakrale Einrichtungsstück Stuhl? Die Tür in der Mitte hatte ein kleines Fenster mit einem lila Vorhang. Dahinter konnte man schemenhaft den Beichtvater sehen, wie er in seinem bequem ausgepolsterten Sitz fläzte. Er hatte sein Gesicht zur Hälfte mit einem großen weißen Sacktuch verdeckt, um sich vor Bazillen zu schützen. Für den Sünder dagegen gab es nur einen harten Schemel, auf den dieser knien musste, während er seine Sünden aufsagte. Als Jakob endlich an der Reihe war und sich in den Beichtstuhl kniete, stellte er fest, dass es gar nicht der Pfarrer war, der hier Beichte saß, sondern ein ihm fremder Aushilfsgeistlicher. Jakob machte das Kreuzzeichen und flüsterte:



»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Meine letzte Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden.«

Dann deklamierte er gleichsam schematisch seine Verfehlungen und schweren Sünden: »Ich war im Gottesdienst nicht aufmerksam, habe die Eltern nicht ausreichend geehrt, meine Mitschüler geärgert und sie mit Hänseleien gequält.«

Den Beichtvater schien das alles nicht zu interessieren. Dann kam Jakob zu dem Gebot, das er am meisten fürchtete und das er am liebsten ausgespart hätte. Mit dem sechsten Gebot hatte er seine liebe Müh und Not.

»Ich habe mehrmals Unkeusches gedacht, geredet, gesehen und getan.«

Der Beichtvater neigte sein Haupt näher ans Beichtgitter heran und fragte leise murmelnd: »Welche Unkeuschheiten hast du denn gesehen?«

Jakob flüsterte nach einer kurzen Schreckenspause: »Nackte Frauen in den Zeitschriften meines Bruders.«

Darauf wollte der Geistliche wissen, mit wem er Unkeusches getan habe. Hier überlegte Jakob kurz, was er sagen sollte, weil er nicht wusste, was eine schwere Sünde war und was nicht. Einem Mädchen die Bluse aufzuknöpfen und ihr unter den Büstenhalter an die Brüste zu fassen, war sicher eine schwere Sünde, und fraglos war das Berühren des weiblichen Geschlechts eine, aber ob das Streicheln des Knies, die Oberschenkel hinauf auch schon zur Sünde gegen das sechste Gebot zählte und ob auch Küssen gebeichtet werden musste, darüber war sich Jakob unsicher. Um auch wirklich die Absolution vom Beichtvater zu erhalten, entschloss er sich, einfach alles zu beichten. Er schilderte detailgenau, wie er bei seinem letzten Zusammentreffen mit Margit das sechste Gebot übertreten hatte. Jakob achtete nicht auf den Beichtvater, während er seine Verfehlungen gegen das sechste Gebot aufsagte. Er sprach in dürren Worten von den für ihn schönsten Momenten seines oft so traurigen Lebens, die er nun bereuen sollte, was ihm partout nicht gelingen wollte. Wieso sollte ihm leidtun, wonach er sich so inständig sehnte? In Wahrheit wünschte er sich, der Zustand ließe sich unendlich verlängern. Kaum hatte Jakob seine Aufzählung beendet, da hörte er den Beichtvater sagen: »Und hast du auch Unkeusches allein getrieben?«

Erschrocken überlegte Jakob und bekannte nach einer kurzen Pause kleinlaut seine wiederholten an sich selbst verübten Spielereien und Manipulationen mit den rauschhaften Abschlüssen. Dann bekannte er noch, dass er dem Vater einige Zigaretten aus der offenen Schachtel Astor gestohlen hatte, dass er seinen Bruder belogen, dass er oft stolz, rechthaberisch und ungerecht war, dass er einen Schulkameraden lächerlich gemacht und auf einer Party unmäßig Alkohol getrunken habe. Doch das schien den Beichtvater nicht besonders zu interessieren. Jedenfalls wollte er nicht wissen, wie viele Zigaretten Jakob entwendet hatte. Und es schien für ihn auch keine Sünde zu sein, einen Menschen vor anderen lächerlich zu machen. Das war für den Beichtvater ganz normal. Wahrscheinlich machte er es im Unterricht oder bei Besprechungen mit anderen Geistlichen auch.

Mit strenger Stimme forderte der Beichtvater den Sünder auf, sich künftig nicht mehr gegen das sechste Gebot zu versündigen und sich von Mädchen fernzuhalten. Er fragte Jakob, ob er die Sexhefte seines Bruders nicht in den Ofen werfen könne, aber wartete die Antwort gar nicht erst ab. Er segnete Jakob und sprach: »Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen. Zur Buße betest du 10 Vaterunser und 10 Ave Maria.«

Jakob verließ innerlich zerrissen und niedergeschlagen den Beichtstuhl, schlich ins kleine Seitenschiff der Kirche, kniete sich vor das Gnadenbild des heiligen Georg, den Drachentöter und »Patron der Eheleute«, und verrichtete seine Buße. Ob der Geistliche den anderen Beichtenden auch solch eine schwere Buße auferlegt hatte?


Josef K. Pöllath: Verletzte Herzen. Roman. Taschenbuch. Tolino Publishing. München 2024, 522 Seiten. LP 19,99 Abbildung, Eingang: © pexels.com/cottonpro-studio

ISBN 978-3-759205865


Josch 04.03.2024, 13.19

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