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Zweifel frisst Selbstsicherheit

Plädoyer für die Unsicherheit

Mich überfallen häufig Zweifel. Dann stelle ich (fast) alles in Frage und auf den Kopf. Oft erfolgt der Angriff ganz unvermittelt, unerwartet, wie ein Überfall im Dunkeln, aus dem Nichts, meistens dann, wenn ich allein bin mit mir, wenn ich nicht unter eigener „intellektueller Aufsicht“ stehe, mich dem Nichtstun hingebe, einfach nur dasitze und überlege. Manchmal schleicht sich der Zweifel aber auch ganz langsam und gemächlich an mich heran, konfrontiert mich zum Beispiel mit einer Äußerung eines Bekannten, einer Kollegin, eines Freundes. War es wirklich so gemeint, wie es gesagt wurde? Oder sagte sie es nur, um mich zu beruhigen, mir schön zu tun, mir Honig ums Maul zu schmieren oder um mich bzw. das lästige Thema loszuwerden?



Zweifel frisst Selbstsicherheit

Ich überlege, welches Motiv derjenige haben könnte, der mir etwas Schönes, Erfreuliches sagt. War die Äußerung zweckfrei? Und wenn nicht, was will er damit erreichen? Warum lobte er mich zum Beispiel? Dann nagt der Zweifel an meinem Selbstbewusstsein. Ich spüre, wie sich die Unsicherheit in meinem Kopf ausbreitet und alles zudeckt, was gerade noch einleuchtend, beruhigend, erfreulich und schön war und was das Denken vielfältig und bunt machte. Nun wird es anstrengend und einseitig, niederdrückend und krampfhaft. Als greife jemand nach mir, der es auf mich abgesehen hat und mir Böses will, dem ich einfach nicht entkomme.

Häufig greift der Zweifel nach mir, wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe, die mich wochenlang in Beschlag genommen und mein ganzes Denken, meine ganze Erfahrung und nahezu meine ganze Kraft beansprucht hat, und zwar dann, wenn ich mich zufrieden zurücklehne und gerade im Begriff bin, mir ein Glas Wein einzuschenken, froh und zufrieden, endlich Feierabend zu haben. Dann kriecht er heran, der gottverdammte Zweifel: Ob die Arbeit den Erwartungen der Auftraggeber entspricht? Ob ich auch nichts vergessen habe? Ob ich nicht diesen oder jenen Aspekt noch erwähnen hätte sollen? Ob meine Arbeit einem Vergleich mit anderen, ähnlich gelagerten Werken standhält? Ist sie nicht viel zu banal, nichtssagend, oberflächlich, aufgebauscht, lächerlich?


Der Zweifel garantiert geistigen Fortschritt

Unter Zweifel versteht man Unsicherheit, inneres Schwanken, nicht festes Wissen, nicht fester Glaube; zweifelhaft heißt fraglich, unsicher. Zweifel bzw. zweifeln kommt von zwei, unschlüssig, geteilten Sinnes sein, gespalten sein; bezweifeln heißt infrage stellen. Philosophisch unterscheidet man den realen Zweifel vom fiktiven oder methodischen Zweifel, der der Erforschung der wissenschaftlichen Wahrheit dient. Die Zweifler sind neben den Theoretikern, Traurigen und Depressiven die passiven Sorgenkinder einer Gemeinschaft. Manche Zwangsneurotiker tragen ihren zentralen Ambivalenzkonflikt in einer zwanghaften Grübel- und Zweifelsucht aus, habe ich in einem Lehrbuch zur Psychoanalyse gelesen. Meine Zweifel haben Ähnlichkeiten mit der sogenannten post-kreativen Depression, die allerdings nicht so lang andauern wie diese.


Warum soll der Zweifel anrüchig sein?

Zweifeln ist etwas für Schwächlinge. Wer gesteht schon gerne, dass er unsicher, ambivalent, also zweispältig ist? Eine unsichere Persönlichkeit? Oder gar ein Zwangsneurotiker? Das kann nicht angehen. Wir brauchen Sicherheit, Klarheit, eine unumstößliche Wahrheit. Mit Unsicherheiten und Zweifeln kommen wir nicht weiter! Wirklich? Ein mir sehr wichtiges Wort von Erich Fried, das auch Motto meines Blogs ist, lautet: Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel (© Wagenbach Verlag).

In unserer narzisstisch geprägten Welt ist für viele Menschen Zweifel eine Schwäche, der zweifelnde Mensch eine unsichere, labile Persönlichkeit, die kein Vertrauen hat, vor allem kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken. Wie soll man einem solchen Menschen trauen? Dabei gibt es ein dem Grundgesetz verpflichtetes Wort in der Strafjustiz: in dubio pro reo, also: Im Zweifel für den Angeklagten. Man darf also einen Menschen nicht verurteilen, wenn seine Schuld nicht zweifelsfrei erwiesen ist.

Meine Zweifel hindern mich nicht daran, weiterzumachen, sie veranlassen mich auch nicht, alles hinzuwerfen oder mit etwas ganz Neuem zu beginnen oder gar meine Arbeit zu verabscheuen, sie liegen zu lassen oder mich nie mehr damit zu beschäftigen. Meine Zweifel nötigen mich vielmehr dazu, mich selbst immer wieder zu hinterfragen, hinter so manche feste Meinung ein Fragezeichen zu setzen, mich von allzu festen Sicherheiten zu befreien, Ver- und Beurteilungen zu relativieren oder umzustoßen; meine Zweifel verhelfen mir zu neuen Einsichten und führen mich an neue Wahrheiten heran. Sie garantieren mir, dass ich nicht verknöchert und starr, ja altersstarr werde. Sie zwingen mich dazu, immer wieder von einer anderen Seite eine Sache anzugehen. Sie verhelfen mir zu einem neuen Point-of-View. Insofern ist der Zweifel zwar sehr unangenehm, aber auch hilfreich. Oft leide ich sehr darunter. Oft verleitet er mich dazu, alles in Frage zu stellen. Das ist sehr bedrückend. Bin ich aber im Begriff, durch den Zweifel und die Unsicherheit hindurchzugehen, komme ich durch diesen Prozess zu neuen Einsichten. Und selbst wenn sie für mich im ersten Augenblick auch negativ sind, so verleihen mir meine Zweifel auch neue Energie. Sie treiben mich an, fordern meinen Ehrgeiz heraus. Dann gehe ich gestärkt aus der Grübelei hervor. Allerdings lässt sich das alles nicht erzwingen. Es ergibt sich eben so oder auch nicht.

Josch 15.10.2018, 13.07

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