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Ans Ende der Welt

Eine Geschichte von Liebe und Tod

Am 17. Mai 1943 werden Professor Dr. Salomon Waterdrager, seine Frau Henny und ihre Tochter Annabeth in Amsterdam verhaftet und in ein heruntergekommenes Vorstadttheater gebracht, das als Sammelstelle für die Deportation in ein Konzentrationslager dient. Dabei hatte ihm noch zwei Tage zuvor der Leiter der Deportationen für seine außerordentlichen Verdienste in der Jurisprudenz eigenhändig den Sperrstempel in seinen Personalausweis gedrückt. Salomon Waterdragers ist überzeugt, dass es sich nur um einen Irrtum oder eine Verwechslung handeln könne.

Während Professor Waterdrager vehement gegen die Verhaftung protestiert und seine Frau Henny aufgeregt durchs Zimmer geht  und Unnötiges zusammenpackt, fügt sich die bildhübsche Annabeth widerspruchslos in ihr Schicksal. Sie wusste, dass es um Leben und Tod geht. Und sie will leben, leben um jeden Preis. 



Liebe und Hoffnung

Als Salomon Waterdrager in der Sammelstelle schließlich seinen Vetter gleichen Namens und gleichen Jahrgangs erblickt, ist es für ihn Beweis, dass seine Verhaftung eine Verwechslung ist. Nur der kann gemeint sein. Der magere und verschrumpelte Diamantschleifer sitzt eng aneinandergedrängt neben seiner dicken Frau, während ihr Sohn Ben etwas abseits mit verschränkten Armen vor der Brust gegen die Wand gelehnt da stand. Unter seinen schwarzen, leicht gelockten Haaren lief ein frischer, dickgeschwollener Striemen quer über seine Stirn, den man ihm gerade verpasst hatte. Ben starrt ins Leere. Er hatte 1937 als Sozialist zusammen mit seinem großen Bruder Jo im Spanischen Bürgerkrieg für die Demokratie gekämpft. Vor zwei Jahren bereits hatte man den Bruder ergriffen und ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er ermordet wurde. Während Ben über diese Zeit nachdenkt, kommt ein wunderschönes Mädchen auf ihn zu. Es ist seine Kusine Annabeth. Sie greift mit beiden Händen nach seinen Armen und zieht sie ihm von der Brust weg. Sie setzen sich, und er hält ihre Hand fest. Dann beugt er sich dicht zu ihr hin und bittet sie, nicht wegzugehen.

Mit Unruhe beobachten Salomon und Henny, dass ihr einziges Kind lieber bei Ben ist, statt mit ihnen auf das weitere Geschehen zu warten. Und doch wird Annabeth in diesen schweren Stunden für ihre Eltern, die sich nur schwer in ihr Schicksal fügen können, zum Halt und Trost.

 

Zusammen leben, auch wenn wir sterben

Als schließlich am Tag darauf der Diamantschleifer Salomon Waterdrager als unabkömmlich freikommt, statt der Universitätsprofessor, bricht für diesen vollends eine Welt zusammen. Er hatte sich schon bei der Verhaftung nicht so benommen, wie man es in seiner Lage von ihm erwarten hätte können. Während er im stinkenden, verdreckten Schlafsaal, von Ungeziefer gequält auf seinem Strohsack liegt, wird ihm bewusst, dass er zum ersten Mal in seinem Leben als Person angetastet wurde, dass seine Leistung für die Gesellschaft, für die Jurisprudenz nichts bedeutet. Salomon war noch nie in seinem Leben so ratlos gewesen. Nicht einmal beten wollte er hier in dieser Situation.

Annabeth fragt Ben, ob er glaube, dass sie sterben müssen. Er bejaht. »Aber es wäre gut, zusammen zu leben«, sagt sie, worauf er antwortet: »Wir werden zusammen leben, auch wenn wir sterben.«

In einem halbdunklen Viehwagen werden sie nach Osten transportiert. Ben liegt mit seinem Kopf in Annabeths Schoß. »Wir werden leben«, flüstert er. »Ich will leben«, sagt sie und küsst ihn auf die Augen auf ihrem Transport ans Ende der Welt...

Grete Weil schildert bedrückend die Angst, Verzweiflung und die Hoffnung, an die sich die Verlorenen klammern »und die perfiden Methoden, mit denen die Nazis ihre Gefangenen dazu bringen wollen, Verrat an ihren Nächsten zu begehen«, heißt es auf dem Umschlag des Buches, das Albert Einstein als »ein knappes Meisterwerk ... eine einfache, herzergreifende Geschichte von Liebe und Tod« bezeichnet hat. (Hörbeispiel am Ende des Blogbeitrags!) 

 

Editorische Bemerkungen

»Ans Ende der Welt« war Grete Weils erster Roman. In Westdeutschland wurde er lange Zeit nicht verlegt, dafür in Ostberlin. Erst 1962 folgte eine wenig beachtete Ausgabe in Westdeutschland. Wie wichtig die Neuauflage eines solchen Buches ist, zeigen die zunehmenden Aufmärsche rechtsradikaler Gruppierungen in Deutschland und die Angriffe auf jüdische Einrichtungen und Menschen in den letzten Jahren. Daher müssen die barbarischen Taten Hitlers und seiner willigen Vollstrecker immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Denn »Vergessen tötet die Toten noch einmal«, schreibt Tobias Lehmkuhl im Tagesspiegel.

 

Über die Autorin

Grete Weil, 1906 in Rottach-Egern geboren, 1932 Heirat mit Edgar Weil. Sie emigrierten nach Holland, wo ihr Mann verhaftet und im KZ umgebracht wurde. Grete Weil, die auch eine Ausbildung als Fotografin absolviert hatte, tauchte 1943 unter und überlebte in einem Versteck. 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete bis zu ihrem Tod als Schriftstellerin und Übersetzerin. Für ihren Roman »Der Brautpreis« erhielt sie 1988 den Geschwister-Scholl-Preis. Siehe auch meine Rezension »Tramhalte Beethovenstraat«.

 

Grete Weil: Ans Ende der Welt. Roman. 90 Seiten. Gebunden mit Kopffarbschnitt.

ISBN 978-3-946990-61-1. LP 18,00 €

 

Josch 04.02.2022, 16.25

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Matthias Kuhlemann

Danke für diesen Impuls!
Ich hatte das große Glück, Grete Weil Anfang der Neunzigerjahre in München bei einer Veranstaltung erleben zu dürfen. Das war eine mich tief bewegende, großartige Begegnung. Für mich ist das erinnern- und wachhalten eine Lebensaufgabe, die ich versuche, im Alltag umzusetzen.

Bundespräsident Steinmeier hat vor kurzem dazu passend gesagt:

„Wir erinnern uns um der Opfer willen. Und wir erinnern uns auch für uns selbst. Denn wer vergisst, was geschehen ist, Vergisst auch, was geschehen kann.“

mit freundlichen Grüßen, Matthias Kuhlemann

vom 06.02.2022, 09.43
1. von Christel Boßbach

"Vergessen tötet die Toten noch einmal." Was für ein Zitat! Wieviel aber wird vergessen, weil es sich vor dem Online-Zeitalter ereignete und nicht im Internet zu recherchieren ist. Da freue ich mich über solche Rezensionen und Aktionen wie die der Arolsen Archives, die Menschen jeden Alters an der Digitalisierung der Dokumente etwa aus Konzentrationslagern beteiligen. Damit Angehörige endlich Antworten erhalten und immer mehr Opfer dem Vergessen entrissen werden können.

vom 04.02.2022, 17.02
Antwort von Josch:

Vielen Dank für den tollen Kommentar mit dem Hinweis auf Arolsen Archives. So wird Bloggen zu einem wichtigen Kommunikationsinstrument. Nochmals herzlichen Dank!!
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