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Ausgewählter Beitrag

Edith Wharton: Ethan Frome

Sprachlos die Gefangenschaft einer unglücklichen Ehe ertragen

Der Roman „Ethan Frome“ von Edith Wharton erschien erstmals im Jahr 1911. Die Autorin hat den Roman schon 1906 oder 1907 begonnen, und zwar in französischer Sprache. Und dann hat sie den Text grundlegend überarbeitet und verändert. 1922 schließlich erhielt der Roman noch eine Einleitung, mit der die Autorin verschiedenen Missverständnissen in der Rezeption des Romans entgegentreten wollte.

Der Roman spielt im fiktiven Dorf Starkfield in Massachusetts, der Erzähler ist ein junger Ingenieur, der von seinen Auftraggebern in diese einsame Gegend geschickt wurde, um Arbeiten für ein großes Kraftwerk in einem Ort unweit von Starkfield zu erledigen. Durch Umstände am Bau ist der Erzähler gezwungen, in dem Ort wesentlich länger zu bleiben als geplant, sodass er auch noch den ziemlich strengen Winter in Starkfield verbringt. Das  ärgerte ihn zunächst, doch „unter der hypnotisierenden Wirkung der Alltagsroutine fand“ er das Leben dort „auf trostlose Art zufriedenstellend“.



Auf dem Postamt begegnet er erstmals Ethan Frome, dem Protagonisten des Romans, einen hochgewachsenen und durch eine sogenannte „Karambolage“ behinderten Menschen, der den Erzähler aber vor allem dadurch beeindruckte, weil er achtlos und stark wirkte, trotz seiner schweren Lähmung. Ethan Frome fährt jeden Mittag mit seiner Kutsche zum Postamt, um ein Zeitungsmagazin abzuholen und gelegentlich Medikamente für seine Frau. Die Menschen in Starkfield respektieren und achten Ethan Frome, trotz seiner Verschlossenheit und seiner Unnahbarkeit. Manche finden sogar, dass Ethan wohl zu viele Winter in Starkfield geblieben sei. Man rechnet ihm offenbar hoch an, dass er sich um seine Leute kümmert. „Wer gescheit ist, geht weg“, sagt Harmon Gow, mit dem sich der Erzähler öfter unterhält. Doch was war es, was Ethan Frome daran gehindert hat, die Flucht zu ergreifen?

Da der junge Ingenieur darauf angewiesen ist, dass man ihn an seinen Einsatzort fährt, eines Tages aber die Pferde des Fuhrunternehmers an einer Seuche erkranken, empfiehlt man ihm, er möge sich von Ethan Frome fahren lassen. Die Fahrten verlaufen in der Regel schweigend. Erst über ein Buch, das der Erzähler versehentlich in der Kutsche vergessen hat, kommt es zu einem vorsichtigen Gespräch. Und als eines Tages der Zug aufgrund von Schneeverwehungen nicht fahren kann, bringt Ethan den Erzähler mit der Pferdekutsche zum Kraftwerk. Auf der Rückfahrt macht ihnen die bittere Kälte schwer zu schaffen, und so lädt Ethan Frome den Erzähler ein, die Nacht auf seiner Farm zu verbringen. Und damit fügen sich die letzten Puzzleteile in das Bild, das der Erzähler sich von Ethan Frome bisher gemacht hat: Ethan Frome hatte zwei Semester lang an einer technischen Hochschule studiert. Doch der Tod seines Vaters und die Krankheit seiner Mutter zwangen ihn, das Studium abzubrechen und nach Hause zurückzukehren. Bei der Pflege der Mutter unterstützte ihn bald die um sieben Jahre ältere Cousine Zenubia Pierce, auch Zeena genannt, die er nach dem Tod der Mutter gewissermaßen aus Dankbarkeit heiratete. Doch sehr bald schon wird seine Frau immer kränker und kann sich kaum noch um den Haushalt kümmern. Und eines Tages sind sie durch äußere Umstände gezwungen, die hübsche Tochter eines Cousins von Zeena ins Haus zu holen. Die aufgeweckte Mattie ist Ethans Frau schon bald ein Dorn im Auge, nicht nur, weil sie ziemlich unerfahren ist, was die Haushaltsführung betrifft. Der Grund ist vielmehr Ethan, der sich in Mattie verliebt und ihre Nähe sucht, wann immer es ihm möglich ist. Auch Mattie fühlt sich sehr stark zu Ethan hingezogen. Da beschließt Zeena, eine erfahrenere Magd ins Haus zu holen und Mattie fortzuschicken, wohl wissend, dass Mattie nirgendwo unterkommen kann.

Ethan schafft es nicht, sich gegen seine Frau aufzulehnen und sich gegen sie durchzusetzen. In seiner ausweglosen Situation überlegt er, seine Frau zu verlassen und mit Mattie ein neues Leben zu beginnen. Doch aufgrund seiner dramatischen finanziellen Situation muss er diesen Plan aufgeben. Er setzt schließlich durch, Mattie an dem Tag, an dem sie aus dem Haus muss, nicht von einem Aushilfsknecht, sondern selbst zum Zug zu bringen, was Zeena zu verhindern versuchte. Auf der Fahrt dorthin, bei der Ethan und Mattie erstmals ihre Sprachlosigkeit ein Stück weit durchbrechen und sich ihre Liebe eingestehen, holen sie eine Schlittenfahrt nach, die sie eigentlich schon vor einigen Tagen machen wollten. Es ist stockdunkel. Bei dieser Schlittenfahrt schließlich überredet Matti Ethan, gemeinsam Selbstmord zu begehen. Doch der Versuch misslingt, und sie werden gerettet. Das alles liegt bereits 24 Jahre zurück. Doch nicht nur Ethan hat sich in sein Schicksal ergeben, sondern auch Zeena und Mattie, die von Zeena gepflegt wird und in all den Jahren fast ebenso hysterisch geworden ist wie Zeena. Die drei sind dazu verdammt, ihr Leben weiterhin gemeinsam in großer Armut auf der Farm zu verbringen.

Der Ich-Erzähler lässt den Leser in einer unaufgeregten, präzisen Sprache teilhaben an seiner Beobachtung der Menschen in diesem einsamen Landstrich von Massachusetts, speziell des Protagonisten, ohne ihn bloßzustellen oder herabzuwürdigen. Er zeigt ihn in seiner ganzen Hilflosigkeit, seiner Verzweiflung, seiner Einsamkeit und Frustration, in seinem Ernst und in seiner Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit. Ethan Frome steht für Anstand und Würde, jedoch nicht frei von Sehnsüchten und stillen Hoffnungen, die er allerdings nicht artikulieren kann.

Mich erinnert der Text ein wenig an Stoner von John Williams (siehe meine Besprechung vom 10. Januar 2016). Auch William Stoner kommt aus sehr einfachen, ärmlichen Verhältnissen, wenngleich er die Chancen einer umfassenden humanistischen Bildung ergriffen hat, ist er dennoch nicht in der Lage, sich dem bedrückenden Milieu und der Unterdrückung und Erniedrigung seiner Frau zu entziehen. Dies sind für mich die Parallelen der beiden Texte: Sie zeigen einen aufrechten, jedoch nicht unfehlbaren Mann, der die Macht hätte, seine Verhältnisse zu verändern, es aber aus moralisch-ethischen Gründen einfach nicht schafft, seine Leute im Stich zu lassen. Insofern referiert der Text ein heroisches Männerbild, das es wahrscheinlich in dieser Heroik nie gegeben hat. Aber gerade deswegen zählt der Text für mich zur klassischen, hochstehenden Literatur, weil er normüberschreitend und damit normbildend ist, dazu spannend, nicht zu lang und nicht zu kurz. Ein unbedingt lesenswertes Buch, das sich so angenehm abhebt von der uns alles umgebenden Chickliteratur und der Flut der Krimis in Wort und Bild …

 

Edith Wharton, geboren 1862, gestorben 1937, war die Tochter vermögender Eltern. Sie rebellierte gegen die Zwänge der amerikanischen Upper Class. Für ihren Roman „Zeit der Unschuld“ erhielt sie 1921 als erste weibliche Preisträgerin den Pulitzerpreis und 1923 die Ehrendoktorwürde der Yale University. Edith Wharton hat insgesamt 47 Romane, Erzählungen und Reiseberichte geschrieben.

 

Edith Wharton: Ethan Frome. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Claudia Wenner. marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2017. 182 Seiten, gebunden, Leinen ISBN 978-3-7374-1059-5, 18,00 €

Josch 07.01.2018, 12.34

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